

Das mit den Weihnachtstipps ist so: Das ganze Jahr über liegt ein Zettel auf der Festplatte. Da kommt sofort drauf, was gut und empfehlenswert scheint. So manches überlebt das Jahr nicht und fliegt wieder raus. Wieder anderes wird nicht zum Weihnachtsbrief, bleibt aber stehen. So ein Dauerbrenner sind Loriots Dramatische Werke. Seit zwölf Jahren auf der Liste, nie Tipp geworden, immer kam etwas dazwischen. Dieses Jahr ist nichts dazwischen gekommen außer Loriots 85. Geburtstag. Das passt.
Der Band versammelt 54 Fernsehdramen im Original-Wortlaut – vom Kosakenzipfel über Herren im Bad und Jodelschule bis zu Vertreterbesuch und Lottogewinner. Der Autor wirbt in seinem Vorwort: „Der Käufer kommt durch den Erwerb von mehr als fünfzig Dramen in den Besitz eines Kolossalwerks, dessen Bedeutung nicht zuletzt in seiner überraschenden Handlichkeit liegt. Im Hinblick auf die ständige Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung sind meine dramatischen Werke ein durchaus tragbarer Bestandteil des kultivierten Fluchtgepäcks.“
Braucht man ein Buch über Sketche, die man schon so oft gesehen hat, dass vor dem inneren Auge ein Film abläuft, sobald einer „Angenehm, Müller-Lüdenscheid“ sagt? Ja, braucht man. Man hat zwar die Bilder vor Augen, aber die Feinheiten nicht mehr im Ohr.
Wer erinnert sich denn noch, mit welchem Satz genau der Streit in der Badewanne losgeht? Wir lesen gemeinsam Seite 28: „Herr Doktor Klöbner, ich leite eines der bedeutendsten Unternehmen der Schwerindustrie und bin Ihnen in meiner Badewanne keine Rechenschaft schuldig. Ich entscheide persönlich, ob ich mit Wasser bade oder ohne.“ Wem entfallen ist, wie gepflegt sich die Damen Hoppenstedt und Pröhl nach dem Kosakenzipfelgenuss voneinander verschieden, blättert weiter zu Seite 48: „Jo ... del ... schnep ... fe!!“ – „Win ... sel ... stu ... te!“
„Es saugt und bläst der Heinzelmann“ kennt und zitiert jeder. Zum umschwärmten Mittelpunkt der gehobenen Party aber wird derjenige, der Vertreter Blühmels Verkostungsweine aus dem Stegreif herunterrasseln kann: 77er Oberföhringer Vogelspinne, 75er Klöbener Krötenpfuhl und 74er Hupfheimer Jungferngärtchen, Wohlsein.
Werber können die Dramen vermutlich als Fachbuch steuerlich absetzen. Die Texter unter uns erhalten – dö dudl dö ist zweites Futur bei Sonnenaufgang – kostenlose Grammatik-Nachhilfe sowie die ein oder andere Lektion im nuancierten Umgang mit Synonymen:„Haben Sie da an eine Schlaf-Sitz-Garnitur gedacht mit versenkbaren Rückenpolstern, an eine Couch-Dreh-Kombination oder das klassische Horizontal-Ensemble?“ Zum Niederknien schön übrigens die Antwort: „Äh, wir schlafen im Liegen.“
Ambitionierte Art Direktoren, die im Berufsleben mit unerreichter Präzision glänzen möchten, werden sich gern an der Blöhmannschen Farbenlehre orientieren: „Grau… aber nicht so grau… mehr grüngrau… ins Bräunliche. Eine Art Braungrau… mit Grün… ein Braungrüngrau. Es schadet aber auch nichts, wenn es ein bisschen ins Bläuliche hinüberspielt, Hauptsache, es ist grau… braungrau. Etwas Rot könnte auch anklingen… ein Braunrot… im ganzen Grau… also ein grünlich-blaues… Rotbraun-Grau.“
Wer im täglichen Kundenkontakt seine Frau bzw. seinen Mann zu stehen hat, wird den ein oder anderen Crashkurs zum Thema Überzeugungskunst zu schätzen wissen. Zum Beispiel, wie man einem Herrn, der eine Ente kaufen möchte, eine tote Maus andreht: „Das ist erstklassige Ware… tadellos im Fell… Dreiachtzig.“ Ab Seite 300 können dann Englischkenntnisse überprüft und optimiert werden: „Dort trifft thie Priscilla Molesworth, die mit Lord Molesworth-Houghton noch nachth von Naddle… Thadle Nather… Thoddle Nether… Noddle...“
Jede Seite, jedes Wort ist eine Wohltat, bis hin zum allerletzten Satz. Da betreibt Loriot elegant Cross-Selling und weist auf 30 weitere Werke aus seiner Feder hin: „Wenn Sie das vorliegende Buch ungern gelesen haben, werden Ihnen diese auch nicht so recht gefallen.“
Hier irrt der Meister. Es gefällt so gut, dass man es gar nicht verschenken, sondern am liebsten selber behalten möchte. Ich wünsche allseits frohe Weihnacht und schließe mit Opa Hoppenstedt:
„Früher war mehr Lametta!“