

Werbetexter sind Lügenbeutel. Doch, ehrlich. Wahrheit tut dem Absatz nicht gut. Das kriegt man schon früh beigebracht. Nehmen wir nur mal eine Sünde aus der Frühzeit meines Wirkens. Die industriell gefertigten Brotscheiben schmeckten wie Spanplatten. Sie bestanden aus extrudiertem Getreide, so dass sie lebensmittelrechtlich nicht als Knäckebrot eingeführt werden durften. Also wurde flugs die Kategorie Knusperbrot erfunden. Leicht & Cross haben wir dann unter der Line Die unangefochtene Nummer Eins im Knusperbrotsegment an den Handel verkauft. Direkt gelogen war das nicht. Es gab ja keinen zweiten, der solche Pappen produzierte.
Seit der Lektüre von Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! Die Weltgeschichte der Lüge geht es mir wieder besser. Das Buch – die wörtliche Mitschrift eines Bühnenabends von Dieter Hildebrandt und Roger Willemsen – belegt eindrucksvoll, dass ich mich in bester Gesellschaft befinde. Der Mensch lügt durchschnittlich 200-mal am Tag. Und das nicht erst seit gestern.
Von den 130 Schriftstücken, die Hippokrates hinterlassen hat, ist die Hälfte gefälscht. Ähnliches gilt für Pythagoras, Cicero und Platon. Zwei Drittel aller klerikalen Urkunden, die vor dem Jahr 1100 ausgestellt wurden, sind ebenfalls unecht. Hamburger Kaufleute, die sich die Handels- und Zollfreiheit erschwindeln wollten, schrieben ihre Dokumente im Namen von Friedrich Barbarossa selbst. Das hat auch 70 Jahre nach dessen Tod noch funktioniert. Marco Polo berichtete ausführlich von seiner Chinareise, kam in Wahrheit aber nur bis zum Hof des Khublai Khan im mongolischen Karakorum. 1794 wollte sich Lord Nelson seine Kriegsrente erschleichen mit der waghalsigen Behauptung, Staub aus einer französischen Kanonenkugel habe sein linkes Auge erblinden lassen.
Ein Hochstapler namens Graf Lustig verkaufte 1925 zweimal den Eiffelturm an blauäugige Schrotthändler. Fünf Jahre zuvor veräußerte Arthur Ferguson, genannt der Schotte, den Big Ben und die Nelson Statue an Londoner Touristen. Derselbige kassierte auch von einem Amerikaner 2.000 Pfund Vorschuss für die Anpachtung des Buckingham Palast und vermietete das Weiße Haus für 99 Jahre an einen Viehzüchter aus den Südstaaten.
Die jüngste Geschichte kann sich auch sehen lassen. Bush Senior beteuert, es werde keine neuen Steuern geben, read my lips. Kaum ist er gewählt, kommen die neuen Steuern. Sein Filius tätigt bei 125 öffentlichen Auftritten 237 irreführende Aussagen über irakische Massenvernichtungswaffen. Dies wird vom Repräsentantenhaus schlüssig nachgewiesen. Der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu schickt sich selbst Geburtstagstelegramme im Namen der Queen und des spanischen Königs. Und dann sind da noch Bill „I did not have sexual relations with that woman“ Clinton, Uwe „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“ Barschel und Walter „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ Ulbricht.
Die Presse berichtet ausführlich, lässt aber für gute Schlagzeilen gerne Fünfe gerade sein. In den 90ern interviewt ein Herr namens Tom Kummer neben Stone, Pitt, Basinger und Willis alles, was in Hollywood Rang und Namen hatte, ohne ihnen jemals begegnet zu sein. Die erfundenen Ergüsse verkauft er der Süddeutschen, wie Konrad Kujau ein paar Jahre zuvor die Hitler-Tagebücher dem Stern. Über die Aussetzer eines großen Boulevardblattes führt bildblog.de minutiös Buch. Helmut „Fakten Fakten Fakten“ Markwort bringt im Focus-Ärzte-Ranking einen Toten unter. Roger Moore verkündet: „Ich gebe ungern Interviews, weil ich immer Schwierigkeiten habe, mich an die Lügen zu erinnern, die ich beim letzten Mal erzählt habe.“
Zurück zur Werbung. Glühwürmchenweibchen täuschen mit falschen Signalcodes Lust auf Sex vor, um das animierte Männchen dann zu verspeisen. Der Schwindelklassiker schlechthin liest sich 1960 so: „Dieses gefahrlose Medikament belastet den Leberstoffwechsel nicht, beeinflusst weder Blutdruck noch Kreislauf und wird auch von empfindlichen Patienten gut vertragen. Schlaf und Ruhe: Contergan.“ Mieser Spinat wird den Kindern immer noch als gesund verkauft, obwohl sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass 35 Milligramm Eisen pro hundert Gramm Grünzeug ein Messfehler sind. Diesbezüglich hatte sich Gustav von Bunge bereits 1890 vertan.
Vermutlich schwindeln wir nur deshalb 200-mal pro Tag, weil uns in der Kindheit soviel Bockmist erzählt wurde. Wenn du nicht aufisst, wird das Wetter schlecht, von Cola bekommt man einen schwarzen Poppes, wenn du nicht brav bist, dreht der Pilot um und fliegt dich nach Hause, vom Schielen blieben die Augen stehen und vom Grimassenschneiden das Gesicht, nein, das ist der Nikolaus und nicht Onkel Horst, wie kommst du denn auf so einen Unfug.
In diesem Sinne fröhliche Weihnachten.
Ehrlich.