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Frey impressumt

Tipp 2006: Harry Rowohlt „Der Paganini der Abschweifung"

Anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Weihnachtstipps habe ich beschlossen, die Grenzen des Anstands zu überschreiten und ein eigenes Werk zu empfehlen. Naja, Oma Margarete ist nicht gerade der große deutsche Schlüsselroman, den Reich-Ranicki seit 86 Jahren fordert, aber unsereiner kommt ja vor lauter Copywriten zu nix. Der Einfachheit halber liegen die bescheidenen 24 Seiten bei.

  Beilegen geht im Web
natürlich nicht.
Aber Bestellen unter
0 21 04 – 94 18 27 geht.

Nachdem das Geschäftliche nun erledigt ist, können wir uns dem Müßiggang widmen.
Der Frage nämlich, wie ein schöner Abend aussieht.

Ein bärtiger Mann, ein Stapel Bücher, ein Erfrischungsgetränk – so sieht ein schöner Abend aus. Vorausgesetzt der Mann heißt Harry Rowohlt, der Bücherstapel enthält Selbstverfasstes oder Selbstübersetztes und in der Flasche glimmt goldfarbener Paddy’s.

Dass der Abend nicht nur schön, sondern auch lang wird, liegt an einer Eigenart Harry Rowohlts. Rechtschaffen hebt er zum Vortrag an, er selbst nennt das Schausaufen mit Betonung, gönnt sich bereits im ersten Absatz eine dramatische Pause und kommt dann von Hölzken auf Stöcksken. Sowohl Hölzken als auch Stöcksken sind so beschaffen, dass man sich einen Ast lacht. Was wiederum praktisch ist. Dann hat man im Winter was zum Heizen.

Einen solchen Abend gibt es seit geraumer Zeit auf CD. Sie heißt Der Paganini der Abschweifung und hält, was der Titel verspricht. Harry Rowohlt (nebenberuflich verdingt er sich als Vorleser, Sprecher und Lindenstraßen-Penner, hauptberuflich als Übersetzer von mittlerweile über 100 Büchern – Focus bezeichnete ihn einmal als Übersetzer des Märchens Pu der Bär, worauf er in einem Leserbrief zurück giftete: „Aha. Pu der Bär ist also ein Märchen. Und die Bibel ist eine Novelle. Und Focus ist ein modernes Nachrichtenmagazin.“ – und jetzt habe ich den Faden verloren. Wo war ich? Ach ja: Harry Rowohlt) liest etwas Prosa, erzählt fünf Witze, singt drei Hymnen und schweift im Übrigen ab.

Wir erfahren Wissenswertes über seine Praktikantenzeit bei der Verlagsauslieferung, wo immer gemault wurde, er drücke aufs Tempo, was aber gar nicht stimmte. „Ich war nur der Einzige, der bei einem Titel wie Narziss und Goldmund unter Hermann Hesse nachsah und nicht unter Gartenbau.“

Über seine Memoiren, die ihm als Anhänger der gepflegten Orthografie erhebliche Bauchschmerzen bereiteten: „Die erste Auflage ist derart voller Satzfehler, dass wir – ich, mein Co-Autor Ralf Sotschek und Verleger Bittermann – uns eine gemeinsame Sprachregelung zurecht gelegt haben. Das, äh, Buch ist dermaßen fehlerhaft, weil die Tonbandmitschnitte von drei polnischen Spargelstecherinnen, die keine Silbe Deutsch können, rein phonetisch abgetippt worden sind. Und zwar in der Nachsaison.“

Und – mehr als drei der Abschweifungen will ich an dieser Stelle gar nicht verraten – über die Fischhandlung Schröter in Unna, wo er Zeuge wird, wie die Fischhändlergattin auf Anraten des Fischhändlergatten einen widerspenstigen Hummer ins Becken zurückschimpft: „Machs du woll, datt du mit dein Hintern wieder in Basseng reinkomms, du oll Sausack!“

Wer Der Paganini der Abschweifung unter dem Weihnachtsbaum liegen hat, darf sich auf zwei vergnügte Stunden freuen. Risiken und Nebenwirkungen sind vorhanden, aber überschaubar:
a) HR macht abhängig und b) nach einer HR-Lesung findet man die meisten anderen Hörbücher zum Gähnen. Beides ist nicht allzu dramatisch, weil a) HR noch viele weitere CDs besprochen hat und b) ständig auf Tournee ist.

Fröhliche Weihnachten