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Frey impressumt

Tipp 2001: Sven Regener, "Herr Lehmann"

So einen Sonntag wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Schon morgens um vier geht's los. Herr Lehmann, Oberzapfer einer Kneipe namens EINFALL, wird auf dem Nachhauseweg von einem wurstähnlichen Hund bedroht, der ihn nicht über den Lausitzer Platz lässt. Als er der Töle Whiskey einflößt, darf er passieren. Zack! Anzeige wegen Tierquälerei.

Kaum liegt er zu Hause im Bett, klingelt ihn seine Mutter aus dem Schlaf. Im Wesentlichen um ihm mitzuteilen, dass sie schon seit sieben auf den Beinen ist: „Frank, bist du das? Du klingst so komisch.“

Um elf beschließt er in der Markthalle einen Schweinebraten zu sich zu nehmen. Da wird aber noch gefrühstückt, Braten is‘ erst ab halb eins. Herr Lehmann wird pampig. Die schöne Köchin auch. Ein Wort gibt das andere. Seitenlang: „Soso, auf die Kruste kommt es also nicht an?“ „Nein, auf die Kruste kommt es nicht an.“ „Dir nicht oder allgemein nicht?“ „Allgemein ist mir egal.“ „Gibt's hier noch mehr von deiner Sorte?“ „Nein.“ „Na dann ist ja gut.“

Herr Lehmann bekommt seinen Schweinebraten um kurz vor zwölf und verliebt sich in die Köchin. Die sich aber nicht in ihn.

So weit die ersten vier Kapitel HUND, MUTTER, FRÜHSTÜCK, MITTAGESSEN. Der Rest des Sonntags ist ebenfalls kein Zuckerschlecken. Der Rest des Buches schon. Es heißt HERR LEHMANN.

Begleitet von Karl, Erwin, Kristall-Rainer und diversen Neurosen taumelt Herr Lehmann auf 300 Seiten durch das Berlin von 1989. Nennenswertes passiert nicht. Aber selten hat so wenig Nennenswertes so viel Spaß gemacht.

Herr Lehmann wagt sich nach neun Jahren zum ersten Mal wieder ins Prinzenbad. Nur um festzustellen, dass arschbombende Chaoten immer noch harmlose Schwimmer versenken.
Herr Lehmann zieht einen Randalierer am verdrehten Ohr aus dem Gasthaus, was als Kreuzberger Schraube in die Annalen eingeht.
Herr Lehmann diniert mit seinen Eltern: „Der Schweinebraten ist hier 1a.“
Herr Lehmann beißt einer Ledermausi in die Hand.
Herr Lehmann wird von renitenten Berliner Busfahrern gemaßregelt:
„Auf 20 Mark muss ich nicht herausgeben. Also Kleingeld oder raus.“

Zwischendurch wird die Mauer aufgemacht, die einzige gravierende Störung in Herrn Lehmanns heiß geliebtem Alltagstrott. Aber selbst dieser Jahrhundert-Event perlt ab. Bewegender ist da schon die Frage, warum Kristall-Rainer ausschließlich Kristall-Weizen trinkt. Ohne Zitrone!

Das Buch lässt sich an zwei faulen Feiertagen prima durchschmökern. Aber bitte auf dem Sofa. Was übrigens ganz im Sinne von Herrn Lehmann wäre: „Ich glaub, ich leg mich erst mal hin." „Das ist immer gut."

Frohe Weihnachten